Aufrufe
vor 1 Monat

Verfahrenstechnik 9/2021

  • Text
  • Betrieb
  • Maschinen
  • Produkte
  • Beispielsweise
  • Komponenten
  • Hersteller
  • Unternehmen
  • Anlagen
  • Einsatz
  • Verfahrenstechnik
Verfahrenstechnik 9/2021

Käseherstellung 4.0 MES

Käseherstellung 4.0 MES ermöglicht durchgängige Chargen-Rückverfolgbarkeit Die Schaffung einer durchgängigen Chargen-Rückverfolgbarkeit war oberstes Ziel und zugleich eine der großen Herausforderungen im Rahmen der Einführung von SAP MII (SAP Manufacturing Integration and Intelligence) bei der Champignon Hofmeister Unternehmensgruppe. So sorgt die Standardsoftware nun standortübergreifend für umfassende Transparenz – vom Landwirt bis zum fertig verpackten Käse – und optimiert dank Digitalisierung die gesamte Wertschöpfungskette in der Milchverarbeitung. Autor: Andreas Busch, Verkaufsleiter SAP Manufacturing, IGZ GmbH, Falkenberg Käsekenner und Feinschmecker schätzen seit mehr als 100 Jahren die Marken der Champignon Hofmeister Unternehmensgruppe. Dazu zählen Klassiker wie der Champignon Camembert, der Rougette Ofenkäse, St. Mang Limburger, Cambozola und viele mehr. In Summe sind es ca. 50 Weichkäsesorten, die in mehr als 55 Ländern vertrieben werden. Der jährlich bilanzierte Umsatz beläuft sich auf durchschnittlich 520 Millionen Euro. Hinter dieser Leistung stehen rund 1000 MitarbeiterInnen, die die Unternehmensgruppe am Hauptsitz in Lauben, Oberallgäu, sowie an den Standorten Kammlach, Moosburg, Pfeffenhausen und Freiberg beschäftigt. Digitale Prozessoptimierung und Dokumentation im Fokus Etwa 450 Millionen Liter Milch veredeln die Spezialisten der Champignon Hofmeister Unternehmensgruppe jährlich in den Betrieben zu unterschiedlichen Käsespezialitäten sowie hochwertigen Milchund Molke-Derivaten. Dieser Prozess ist äußerst komplex: Er beginnt mit den Sammeltouren über Land und setzt sich mit der Annahme der Milch und deren Überführung in die Betriebsräume fort. Es folgen die Herstellung in der Käserei, das Reifen, die Verpackung und die Bereitstellung zum Versand. Vor der Einführung von SAP MII (SAP Manufacturing Integration and Intelligence) war die über Jahre gewachsene IT-Landschaft von zahlreichen, aufwändig zu pflegenden, nicht mehr zukunftsfähigen Insellösungen geprägt. Mit dem Entschluss, auf die neue SAP ERP-Generation S/4HANA umzusteigen, fiel auch die Entscheidung, diese proprietären Alt-Systeme abzulösen. Gerade auf Ebene der Betriebsdatenerfassung (BDE) war dies zwingend erforderlich, da nur noch ein einziger Mitarbeiter über Kenntnisse rund um das sogenannte PIMS (Produktions-Informations-Management- System) verfügte und eine Anbindung der bislang genutzten MS-Access-Lösung an die neue Business-Suite S/4HANA nicht möglich war. Verbrauchsbuchung – online statt retrograd Vor diesem Hintergrund sollte durchgängig ein einheitliches und standardisiertes Manufacturing Execution System (MES) implementiert werden, das eine vollständige Rückverfolgbarkeit über die gesamte Bearbeitungskette vom Landwirt bis zur Verpackung – praktisch auf Knopfdruck – ermöglicht. Die Digitalisierungsstrategie sah zudem vor, die papiergestützte, manuelle und damit fehleranfällige und zeitintensive Belegführung, bei der Bestände, Verbräuche und der Produktionsfort- 26 VERFAHRENSTECHNIK 09/2021 www.verfahrenstechnik.de

TITEL I TOP-THEMA 01 Onlinetransparenz mittels SAP MII über alle Prozesse in der Käserei 02 Betriebsraum mit SAP MII Leitstand und individuell konfigurierbaren Dashboards schritt erst zeitverzögert gemeldet werden konnten, ad acta zu legen. Statt auf retrogradem Wege sollten eine chargengeführte Verbrauchsbuchung in Echtzeit realisiert und einheitliche Kennzahlen (KPIs) für alle Werke generiert werden. Die Entscheidung, zukünftig die webbasierte, standardisierte und zugleich hochflexible und zukunftsorientierte IT- Plattform SAP MII für die Produktionssteuerung zu nutzen, war auch unter Investitionsschutzaspekten konsequent. Denn durch SAP sind die Release-Fähigkeit und kontinuierliche Updates der Standardsoftware gewährleistet. Die Champignon Hofmeister Unternehmensgruppe partizipiert an dieser stringenten Weiterentwicklung, bewahrt ihre Unabhängigkeit von weiteren Einzelanbietern und ist in der komfortablen Lage, fortwährend eigenes SAP Know-how aufzubauen. Vorkonfigurierte Best Practices als Projektbeschleuniger Da das Team der Champignon Hofmeister Unternehmensgruppe bereits kleinere, SAP MII basierte IoT-Vorhaben gemeinsam mit den SAP Ingenieuren der IGZ aus Falkenberg in der Oberpfalz erfolgreich umgesetzt hatte, wurde die Projektpartnerschaft 2019 auf MES-Ebene fortgesetzt. „Die zuvor gemachten Erfahrungen, aber auch die ausgewiesene Expertise von IGZ bei der Entwicklung ganzheitlicher Lösungen in der Prozessindustrie inklusive Anlagenintegration und Maschinenanbindung waren hierfür ausschlaggebend“, bekräftigt Projektleiter Martin Dodel. „Überzeugt haben darüber hinaus die ausgefeilte Projektmethodik sowie IGZ Best Practices, die als Projektbeschleuniger wirken.“ Nach Abschluss der SAP MII Einsatzanalyse fiel Ende Juli gleichen Jahres der Startschuss zur Implementierung von SAP MII. Die große Herausforderung bestand insbesondere darin, das SAP MII Migrationskonzept schlüssig in das parallele S/4HANA-Projekt einzubetten. In Phase 1 wurden am Standort Kammlach zunächst die Grundfunktionalitäten integriert. Dafür wurde ein Template für eine durchgängige und standardisierte SAP MII Lösung entwickelt, das sämtliche Kern-Prozesse aller Produktionsstätten der Traditionsmolkerei abbildet. In dieses Gruppentemplate sind auch die vorkonfigurierten IGZ Best Practices Fill+Pack für die automatischen Verpackungslinien und Flow+Pack für den Betriebsraum und die Käserei integriert, wodurch die Realisierungszeit erheblich verkürzt werden konnte. Papierlose Auftragsabwicklung und lückenlose Dokumentation Im Zuge der Implementierung am Pilotstandort Kammlach erfolgte die Integration von SAP MII in das SAP S/4HANA in Form von steuerrezeptbasierten Prozessaufträgen. Damit konnte eine durchgängige Online-Auftragsabwicklung erreicht werden. Durch die Kopplung an die SAP- Lagerverwaltung EWM (SAP Extended Warehouse Management) sind im MES neben den Roh- und Fertigwaren auch die Verpackungsmaterialien abgebildet. Für eine lückenlose Rückverfolgbarkeit jeder einzelnen Charge sorgt parallel die Anbindung an die für die jeweilige Rezepturbereitstellung relevanten Produktionsleitsysteme (PLS). Schwerpunkt von SAP EWM wiederum ist primär die Ver- und Entsorgung der Produktion. Bestände, Chargen und Arbeitsschritte werden online gemeldet und sind so jederzeit nachvollziehbar. Die Werker profitieren von unmissverständlichen Angaben, zum Beispiel über den Fortschritt des Reifeprozesses, die über mobile Nutzeroberflächen im modernen SAP UI5-Design bereitgestellt werden. So ist jederzeit nachvollziehbar, welche Handlung von welcher Person an welchem Arbeitsplatz ausgeführt worden ist. Komplettiert wird die durchgängige Traceability durch die Anbindung von zwei automatischen Verpackungslinien, Durch die Einführung von SAP MII können wir die komplette interne Produktionskette digital abbilden Martin Dödel, Projektleiter, Käserei Champignon die jeweils mit fünf Aggregaten und einem Handarbeitsplatz ausgestattet sind. SAP MII steuert vollumfänglich den Verpackungsprozess und dokumentiert mittels Online BDE und MDE automatisiert und chargengenau die Verbräuche sowie produzierten Mengen. Zusätzlich übernimmt SAP MII die Auszeichnung der Paletten- Label und avisiert die fertigen Paletten und damit Bestände an SAP EWM. Prozesssicherheit in der Produktion Auch bei einer temporären Nichtverfügbarkeit des SAP ERP laufen die Prozesse ohne Beeinträchtigung weiter. Die Datenerfassung erfolgt in Echtzeit, nachträgliche manuelle Dokumentationen entfallen. Eine derart systematische Vermeidung von Fehlerquellen und Störfaktoren in Verbindung mit einer integrierten Prozessverriegelung und -kontrolle trägt entscheidend dazu bei, die Qualität und Effizienz in den Abläufen hoch zu halten und gegebenenfalls sogar noch zu steigern. Der Einsatz falscher Zutaten oder Komponenten ist ausgeschlossen und gleichzeitig www.verfahrenstechnik.de VERFAHRENSTECHNIK 09/2021 27

Ausgabe