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Verfahrenstechnik 9/2021

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Verfahrenstechnik 9/2021

VERFAHREN UND ANLAGEN

VERFAHREN UND ANLAGEN Vorsichtig kommissionieren Vollautomatische Abfüllung hochreaktiver Produkte Das Jahr 2020 hat ein Unternehmen vor ganz besondere Herausforderungen gestellt: In einem sehr engen Zeitrahmen und unter Pandemiebedingungen mussten sieben vollautomatische Füllautomaten für einen chinesischen Kunden disponiert und gefertigt werden. Autorin: Gaby Scheib, freie Redakteurin, Hamburg In Ningbo, in der Nähe von Shanghai, betreibt ein Chemieunternehmen einen Produktionsstandort zur Herstellung von MDI (Methylen-Diphenyl-Isocyanat). Dieser Stoff findet bei der Herstellung von Polyurethan Verwendung und ist hochgiftig. Gesundheitsgefahr besteht insbesondere während der Verarbeitung, da MDI sehr reaktionsfreudig ist. Beim Kommissionieren dieses Gefahrenstoffes ist deshalb größte Vorsicht geboten. Schon 2017 setzte das chinesische Unternehmen daher auf die Kompetenz von Feige Filling: Zwei vollautomatische Fassfüllautomaten Integra zur Highspeed-Befüllung unter höchsten Sicherheitsstandards wurden damals in Betrieb genommen. Sieben Anlagen, zehn Monate Eigentlich plante der MDI-Lieferant aus China, in die USA zu expandieren und dort einen neuen Produktionsstandort zu errichten – doch dieses Vorhaben scheiterte an den politischen Entwicklungen. Kurzerhand wurde die Erweiterung der Kapazitäten in China beschlossen und der bewährte Partner aus dem norddeutschen Bad Oldesloe ins Boot geholt: Dank der guten bisherigen Zusammenarbeit bekam Feige Filling den Zuschlag für sieben neue Maschinen und konnte damit sogar die starke chinesische Konkurrenz aus dem Feld räumen. Doch der Zeitrahmen war eng: Bis Ende 2020 mussten vier Fassfüllautomaten und drei Palettenfüllroboter inklusive umfangreichen Fördersystemen und dazugehörigen Palettierern für MDI sowie MDI spezial gefertigt werden. Und das war nicht die einzige Herausforderung, denn sowohl die Kommunikation mit dem chinesischen Kunden als auch Corona stellten für das Team von Feige besondere Aufgaben dar. Ingenieur als Schnittstelle Partner vor Ort ist die Schwesterfirma Haver Technologies Tianjin (HTT), mit der Feige bei diesem Projekt eng zusammenarbeitet. 12 VERFAHRENSTECHNIK 09/2021 www.verfahrenstechnik.de

VERFAHREN UND ANLAGEN 02 01 01 Hochleistungsautomat zur Abfüllung von gefährlichen oder explosiven Chemikalien in Fässer 02 Das Touchpanel ermöglicht eine einfache Datenerfassung und -überwachung Die Kommunikation konnte bzw. kann aufgrund der Reisebeschränkungen wegen Corona nur online stattfinden – doch zumindest Sprachhindernisse gab es von Anfang an keine: Der Grund ist Haiyang Liao. Liao hat Maschinenbau in Deutschland studiert, arbeitete danach in seiner Heimat und heuerte zuletzt bei HTT an, um dort die Interessen der Technologieschwester Feige Filling zu vertreten. Der chinesische Großauftrag kam ein paar Monate, nachdem er sein zweijähriges Praktikum bei Feige in Bad Oldesloe begonnen hatte. Mit seinen Sprachkenntnissen in Deutsch und Mandarin war und ist Haiyang Liao direkter Ansprechpartner für beide Seiten – eine Schlüsselposition. Heute arbeitet er bei HTT und begleitet den Aufbau und die Inbetriebnahme der Abfüllanlagen in Ningbo. Wie schon 2017 war auch diesmal die Highspeed-Anlage Integra 86 Teil des Auftrags – und zwar in gleich vier Exemplaren, jeweils in Edelstahl-Ausführung. Die gesamten Konstruktionspläne mussten zuvor auf die länderspezifischen Vorgaben angepasst und eigene chinesische Varianten entwickelt werden. Außerdem stellt MDI besondere Anforderungen: Damit der Stoff nicht fest wird, muss er immer auf konstanten 40 °C gehalten werden, weshalb die Füllventile der Anlagen mit Heizköchern ausgestattet sind. Jede Maschine besitzt sechs Stationen und kann pro Stunde 100 Spundfässer befüllen, wobei sechs Fässer gleichzeitig von einem Kettenförderer im Doppel- und Einzeltakt durch die Maschine befördert werden: Während zwei Fässer automatisch nacheinander positioniert und aufgeschraubt werden, befinden sich zwei weitere Fässer an der Abfüllstation und wiederum zwei andere, bereits befüllte Fässer an der Verschließstation, wo sie zugeschraubt und verclincht werden. Die Anlage ist als Sonderausführung für gefährliche Produkte konzipiert und bietet durch den vollautomatischen Betrieb sowie verschiedene Features, wie die geschlossene Füllkabine mit Schleusentoren, Gasabdeckhaube am Füllventil und Atex-Ausführung größtmögliche Sicherheit. Spezielle Palettenfüllroboter Zusätzlich zu den Fassfüllautomaten orderte der Kunde aus China drei Palettenfüllanlagen für die vollautomatische und geeichte Befüllung von IBC und Fässern. Hier mussten die Ausführungen auf Basis der Integra 71 angepasst und damit genau auf die Ansprüche des MDI-Lieferanten zugeschnitten werden. Die Anlage in Edelstahlausführung ist ebenfalls vollständig gekapselt und mit automatischen Hubtoren sowie einer Absaugung für gefährliche Gase ausgestattet. Der Abfüllprozess vom Öffnen der leeren bis zum Verschließen der befüllten Gebinde läuft komplett automatisch. Besonderheiten sind unter anderem ein hochauflösendes Kamerasystem, das die Oberfläche scannt und die Einfüllöffnungen erkennt, eine Edelstahl-Schutzkabine und Wechselfüllventile für eine sortenreine Abfüllung. Steuerung und Bedienung aller sieben Anlagen erfolgen bequem über das bedienerfreundliche Feige-Touchpanel mit integrierter Waagenanzeige. Von Tara- und Durchflusskontrolle bis zu Dosierzeitüberwachung hat der Bediener alles im Blick. Außerdem zeichnet sich die Baureihe durch den intergierten VPN-Zugang aus – das virtuelle Kommunikationsnetz erlaubt Wartung und Hilfestellung aus der Ferne: ein einzigartiger Vorteil in Zeiten von Corona. Fernbetreuung in der Pandemie Ende Februar 2021 konnten die sieben Abfüllanlagen ihre Seereise nach Ningbo antreten, wo sie nach sechs Wochen eintrafen. Kurzfristig wurden die Maschinen aufgebaut, bevor die Inbetriebnahme anstand. Normalerweise begleiten Techniker Hochleistungsbefüllung Die Füllventile der Anlage wurden mit Heizköchern ausgestattet aus Bad Oldesloe diese Prozesse persönlich, doch das Coronavirus macht Reisen unmöglich. Daher betreute das Team von HTT, unter ihnen Haiyang Liao, die Arbeiten vor Ort und tauschte sich wann immer möglich via Internet mit den Kollegen von Feige Filling aus. Im Schichtbetrieb und mit großem Einsatz arbeiteten alle gemeinsam daran, die Anlagen sobald wie möglich in Betrieb nehmen zu können. Doch auch die endgültige Abnahme durch die deutschen Techniker wird dann wohl digital stattfinden müssen. Fotos: Feige Filling www.feige.com www.verfahrenstechnik.de VERFAHRENSTECHNIK 09/2021 13

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