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Verfahrenstechnik 6/2019

Verfahrenstechnik 6/2019

Bauzeit halbiert Methode

Bauzeit halbiert Methode zur Reduzierung der Durchlaufzeiten im Anlagenbau Die Marktsituation im Chemieanlagenbau ist anspruchsvoll – die Unternehmen sind bei der Vergabe von immer größeren Projekten mit steigenden Risiken konfrontiert und müssen sich trotzdem vom Wettbewerb abheben. Je kürzer die Time-to-Market, desto früher amortisiert sich deren Investition. Eine Unternehmensberatung hat eine Methode zur enormen Reduzierung der Durchlaufzeiten im Anlagenbau entwickelt. Autor: Christian Mannigel, Mannigel Public Relations, Handeloh Ein internationaler Chemiekonzern hat sich deshalb für die von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Maexpartners entwickelte Methode „Radical Lead Time Reduction“, kurz RLTR, entschieden und diese erfolgreich umgesetzt. Die Ausgangssituation des Kunden und dessen bislang praktiziertes Vorgehen beim Bau von Anlagen kennt Thorsten Helmich, Partner der Maexpartners GmbH, aus vielen anderen Projekten. Das Unternehmen ist mit über 600 Tochtergesellschaften und Betrieben in mehr als 100 Ländern vertreten und verfügt über ein sehr komplexes Lieferanten-Netzwerk. Die Schlüsselkomponenten beim Bau von Anlagen fertigt es entweder selbst oder mit der Unterstützung von Vertragspartnern. Hinzu kommen häufig weitere Subunternehmen. Die Abstimmung dieser drei Parteien und die Komplexität der Schnittstellen führen bei großen, anspruchsvollen und aufwändigen Komponenten mitunter zu einem instabilen Durchführungsprozess mit Nacharbeiten und Verzögerungen. Das Chemieunternehmen nutzt beim Bau seiner Anlagen bisher eine traditionelle rollierende Vorwärtsplanung: beginnend mit dem Engineering, gefolgt von der Beschaffung, Komponenten-Fertigung und Logistik bis hin zur Montage und dem Bau der Anlage. Auch wenn es gewisse simultane Aktivitäten gibt, initiiert jede einzelne Phase erst nach Abschluss die folgende. Gemäß dem Push-Prinzip stößt diese also den nächsten Arbeitsschritt an. Dies hat mitunter erhebliche Überschneidungen und eine häufig unklare Übergabe der einzelnen Aktivitäten zur Folge. Mit dem eigentlichen Bau wird im Grunde erst dann begonnen, wenn alle Teile zur Verfügung stehen. Völlig andere Planung Die von Maexpartners entwickelte RLTR- Methode setzt hingegen auf eine grundlegend andere Planungsstruktur, die eine ganzheitliche Optimierung der Abläufe auf sämtlichen Stufen des Anlagenbaus zum Ziel hat. Dabei verläuft die Reihenfolge der einzelnen Phasen und Aktivitäten genau umgekehrt. Die Projektplanung beginnt mit Blick auf die fertig errichtete Anlage und erfolgt nun rückläufig, also vom gebauten Objekt ausgehend über Logistik, Herstellung und Beschaffung zurück bis zum Engineering. Dafür ist es zunächst erforderlich, die Baustelle zu modularisieren und in viele 14 VERFAHRENSTECHNIK 6/2019

VERFAHREN UND ANLAGEN kleinere Bauabschnitte aufzuteilen – sog. Construction Units oder auch Installation Kits. Sie ermöglichen die Planung, wann genau eine Komponente am richtigen Ort sein und wie diese genau aussehen muss, sowie welche Ressourcen und Dokumente für den Einbau erforderlich sind. Insofern geben diese Module den Takt für die Planung vor. Jeder einzelne Bau abschnitt fordert also den davor abgeschlossenen Schritt. Er „zieht“ gewisser maßen das Ergebnis der vorherigen Arbeit als essenzielle Grundlage, ebenso wie alle erforderlichen Informationen. Dieses Pull- System unterscheidet den Ablauf elementar von der klassischen Vorgehensweise. „Wir legen also schon in der Planung fest, wann genau welche Installationen erfolgen, welche Teile dafür rechtzeitig fertig sein müssen und wie diese konstruiert sein müssen“, erklärt Helmich. Damit „ziehe“ die Baustelle über den gesamten Errichtungs prozess hinweg die erforderlichen vorangegangenen Arbeitsergebnisse. Modularisierung Die Modularisierung in einzelne Bauabschnitte verfolgt auch das Ziel, eine hohe Simultanität und Synchronisierung der einzelnen Arbeitsschritte zu erreichen. Bestimmte Arbeitsabläufe erfolgen daher nicht mehr nacheinander, sondern überschneiden sich zeitlich. Bekannt ist das vom Concurrent Engineering, von dem sich RLTR aber durch das Pull-Prinzip komplett unterscheidet. Um dies wirkungsvoll zu erreichen, ist es unerlässlich, alle Arbeits pakete exakt zu definieren. Dazu gehört es, sämtliche erforderlichen Materialien, Zeichnungen, technischen Daten und sonstigen relevanten Informationen festzuhalten. Für diese Detail-Planung werden Templates eingesetzt. Dies sind auf der Basis langjähriger Erfahrung entwickelte Vor lagen für vordefinierte Sequenzen und Terminpläne, die es dann gilt, individuell anzupassen. Alleine dadurch ist es möglich, Set-up-Phasen von großen Projekten, die bislang häufig drei Monate in Anspruch genommen haben, auf zwei Wochen zu verkürzen. Nachdem alle die Installation Kits vollständig erfasst sind, gehen diese in den Master-Terminplan ein. Dieser ist das wichtigste Planungs-, Controlling- und Steuerungsinstrument in der Projektumsetzung. Er enthält die Daten für Start und Fertig stellung eines Arbeitspakets, die Dauer von Einzelmaßnahmen und den Aktivitäten- Fluss. Als allumfassendes und integriertes Management-Tool ist der Master-Terminplan nahtlos an spezifische IT-Lösungen wie z.B. die Baustellen-Software „Insite LMS“ oder das Projektmanagement-Programm „Primavera“ angebunden, das wiederum eine Schnittstelle zu SAP hat. Im Master-Terminplan geht es nun darum, die einzelnen Installation Kits als Planungssequenzen mit sämtlichen vorangegangenen Aktivitäten aus dem Engineering sowie der Beschaffung, Herstellung und Logistik zu vernetzen und exakte Schnittstellen zu definieren. Dies ermöglicht eine Optimierung des Produktionsflusses. Dabei gilt es z. B., Arbeitssequenzen, die zu viel Zeit in Anspruch nehmen, erneut in kleinere Pakete aufzuteilen, um so eine noch höhere Parallelität zu gewährleisten. „Noch wirksamer als diese ist aber, dass wir damit einen echten Flow zwischen den einzelnen Maßnahmen kreieren“, erläutert Helmich. „Das ist mit Abstand der größte Hebel für die Effizienzsteigerung.“ Sichere Abwicklung Genau diese Wirkung hat sich beim Anlagenbau des Chemiekonzerns entfaltet. Nach nur zwei Wochen war die gesamte Planung des Projekts stabil aufgesetzt, und die Durchlaufzeit konnte Fast die Halbierung der Durchlaufzeit haben wir bei gleichen kapazitiven Rahmenbedingungen nachweislich schon erreicht. Thorsten Helmich, Partner der Maexpartners GmbH um 34 % gesenkt werden. Darüber hinaus ist es dank der strukturierten RLTR-Planung gelungen, die Projektdurchführung zu stabilisieren. „Wenn es darum geht, tausende Arbeitsschritte und Millionen von Teilen zu organisieren, dann ist eine sichere und optimierte Abwicklung verständlicherweise elementar“, unterstreicht Helmich. Dies wiederum habe eine erhebliche Senkung der Non-Conformance-Costs zur Folge, also der Kosten, die durch Fehler in der Entwicklung, Planung, Beschaffung und Umsetzung zu Abweichungen zwischen der Vor- und Nachkalkulation führen. Bei dem Anlagenprojekt des Chemieunternehmens gelang es immerhin, die Aufwendungen dafür um 32 % zu vermindern. Die Reduzierung der gesamten Anlagenbauzeit fällt durch den Einsatz der RTLR-Methode meist noch größer aus. Je komplexer das Projekt ist, desto größer ist die Wirkung. Zwar lässt sich auch eine einzelne Produktionsstrecke im Maschinenbau erheblich schneller realisieren, doch ist der Effekt bei einer großen Anlage umso größer. Grundsätzlich setzt die Umsetzung allerdings viel industrielle Erfahrung und entsprechendes Know-how voraus. Insofern zahlt es sich aus, professionelle Be gleitung an seiner Seite zu haben. „Fast die Halbierung der Durchlaufzeit haben wir bei gleichen kapazitiven Rahmenbedingungen nachweislich schon erreicht“, stellt Helmich fest. Fotos: Shutterstock (Vereshchagin Dmitry), Maexpartners www.maex-partners.com

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