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Verfahrenstechnik 12/2019

Verfahrenstechnik 12/2019

MESSEN, REGELN,

MESSEN, REGELN, AUTOMATISIEREN Am Anfang war das Glas Sensor- und Automatisierungslösungen für die Wasser- und Abwassertechnik Als Hersteller von Sensor- und Automatisierungslösungen ist die Firma Jumo im Wasser- und Abwasserbereich besonders aktiv. Wir hatten Gelegenheit, am Unternehmensstandort in Fulda den Glasapparatebauern in der Sensorfertigung über die Schulter zu schauen und mit Branchenmanager Matthias Kremer über die vielfältigen und spannenden Anwendungen der Analysenmesstechnik zu sprechen. „Das sind keine Glasbläser, sondern Glasapparatebauer“, erzählt Joachim Treis bei unserem Rundgang durch die Sensorfertigung bei Jumo in Fulda. Ausschließlich Frauen arbeiten hier hochkonzentriert an den komplizierten Glasröhren für die Messelektroden, und die Atmosphäre in den hellen Laborräumen fühlt sich fast schon beruhigend an. Die einzigen Geräusche stammen von den Bunsenbrennern, die das Glas auf die richtige Temperatur bringen, und vom Klacken der eingehausten Roboter, die mittlerweile einen Teil der hochpräzisen Fertigungsschritte übernehmen. „Wir bilden die Glasapparatebauer alle selbst aus“, erzählt der Laborleiter. „Da haben wir sehr kreative junge Leute gefunden, denen dieser Job richtig Spaß macht.“ Die Tätigkeit des Glasapparatebauers zählt heute zu den eher exotischen Berufsbildern – in ganz Deutschland gab es 2018 nur 43 Auszubildende. Das Medium Glas spielt in der Geschichte der Firma Jumo eine entscheidende Rolle. Moritz-Kurt Juchheim begann 1948 in Fulda mit der Produktion von Glas-Thermometern – und dafür benötigte er qualifizierte Glasbläser. Sechs davon brachte er aus seiner thüringischen Heimat Ilmenau mit, die damals ein Zentrum der industriellen Glasherstellung in Deutschland war. Das Unternehmen wuchs innerhalb von nur vier Jahren auf über 100 Mitarbeiter und davon waren die meisten in der Glasproduktion beschäftigt. Einen weiteren Aufschwung erlebte das Thema „Glas“, als Jumo 1966 damit begann, erste Platin- Glas-Sensoren herzustellen. Doch die 60er-Jahre markierten gleichzeitig eine Zäsur in diesem Bereich, denn industrielle Glaskontaktthermometer wurden zu einem Auslaufmodell und mussten modernen Temperaturfühlern mit Platin-Sensoren weichen. Der Firmengründer suchte nach neuen Einsatzmöglichkeiten für seine Glasbläser und stieß auf das Thema Flüssigkeitsanalyse, da hier komplizierte Glasröhren für die Messelektroden benötigt wurden. Diese Entscheidung hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte als goldrichtig erwiesen, denn dieser Bereich ist für Jumo zu einem Markt mit enormen Wachstumsraten geworden. Vom Stiefkind zum Türöffner Matthias Kremer ist als Branchenmanager Wasser und Abwasser der absolute Spezialist für die Flüssigkeitsanalyse: „Als ich vor 25 Jahren bei Jumo angefangen habe, war das Thema noch ein richtiges Stiefkind, um das ich mich liebend gern gekümmert habe. Ich durfte mir ein Team zusammenstellen, gemeinsam haben wir sehr schnell Erfolge erzielt und die Bedenkenträger im Haus überzeugt.“ 01 Laborleiter Joachim Treis erklärt, was die Glasapparatebauerin macht: Die Halbzeuge werden über dem Brenner gewärmt, bis sie formbar sind, und dann in die gewünschte Form geblasen 02 Bei der Sensorfertigung übernehmen mittlerweile Roboter einen Teil der hoch ­ präzisen Arbeitsschritte 30 VERFAHRENSTECHNIK 12/2019

MESSEN, REGELN, AUTOMATISIEREN Interview mit Matthias Kremer 03 Matthias Kremer ist als Branchenmanager Wasser und Abwasser bei Jumo der Spezialist für die Flüssigkeitsanalyse Herr Kremer, was ist das Besondere an Ihren Lösungen für die Flüssigkeitsanalyse? Wir sind Spezialist in der Herstellung von Sensoren und arbeiten hier sehr lang und eng mit unseren Kunden zusammen. Unser Fokus ist die Anwendung des Kunden. Hier beraten wir ihn mit seinem speziellen Problem und bearbeiten auch ganz außergewöhnliche Kundenwünsche, dafür haben wir unsere Branchenmanager ausgebildet. Wir sind sehr stark in Wasserprozessen, die dem Betrachter von außen erst mal gar nicht auffallen. Das sind Kunden in der Agrarindustrie oder mit industriellen Kühlanlagen. Aber wir bedienen natürlich auch die klassischen Wasserthemen wie Trinkwasser, Schwimmbadwasser, Reinstwasser und Abwasser. Oft bekommen wir Anfragen, wo sich die großen Mitbewerber schon die Zähne ausgebissen haben. Das sind auf den ersten Blick undankbare Projekte, aber wenn wir gemeinsam mit dem Kunden eine Lösung gefunden haben, ist alles gut. Der Kunde ist zufrieden und wir auch. Welches war Ihr ungewöhnlichstes Projekt? Großen Spaß gemacht hat das Projekt unserer türkischen Kollegen mit der Fischzuchtanlage. Da wurden die Jungfische auf einem Lkw 2 000 km durch die Türkei gefahren. Unsere komplette Messtechnik war auf dem Lkw aufgebaut und mit einer Satellitenübertragung versehen. Wir haben Sauerstoff, pH-Wert, Leitfähigkeit und gleichzeitig noch die Temperatur überwacht. Bei einem anderen Kunden ging es um Kräuterschränke, das sind quasi kleine Gewächshäuser in der Küche. Da ist eine Wasserzirkulation drin, und die muss regelmäßig überwacht werden. Sehr interessant ist das Thema Aquaponik, also die Verbindung zwischen Fisch- und Pflanzenzucht. Ein Kunde düngt mit den Exkrementen der Fische gleichzeitig seine Pflanzen – dieser Kreislauf benötigt eine zuverlässige Messtechnik, weil das biologische System sehr schnell kippt. Das können wir auch. Wie gehen Sie mit dem Thema Wasser im Ausland um? Der große Druck kommt zurzeit aus Indien und China, denn dort sind staatliche Programme eingeführt worden. Diese Länder lassen nicht mehr zu, dass die Industrie Gewässer und Flüsse verseucht und überwachen die Einleiter genau. Dadurch entstehen in diesen Ländern viele neue Geschäfte für uns. Um mit den potenziellen Kunden in Kontakt zu kommen, stellen wir auf der Ifat in München und auf der Aquatech in Amsterdam aus. In Ländern wie Indien setzen wir weniger auf Messen vor Ort, sondern auf die Expertisen unserer Tochtergesellschaften. Mit German-Water-Partnership sind wir bei einer Musteranlage in Indien dabei. Über unsere 25 Tochtergesellschaften kommen wir in Kontakt mit ganz unterschiedlichen Märkten und deren Anforderungen. In den skandinavischen Ländern mit vielen großen Reedereien ist beispielsweise die Behandlung von Ballastwasser auf Schiffen zurzeit ein wichtiges Thema. Im Mittelmeerraum spielen Umkehrosmoseanlagen, mit denen Meerwasser entsalzt werden kann, seit Jahren eine große Rolle. Und in den Niederlanden kommt Jumo-Technik bei der automatisierten Bewässerungssteuerung von Gewächshäusern zum Einsatz. Diese Vielfalt ist letztendlich unsere größte Stärke. Neben Sensoren und Geräten für die wichtigsten Parameter der Flüssigkeitsanalyse gehören Lösungen zur Messung und Regelung von Druck, Füllstand, Durchfluss sowie Temperatur zum Programm, die auch mit Atex-Zulassung angeboten werden. „Die Flüssigkeitsanalyse ist quasi unser Türöffner in der Wasser-/Abwasserbranche. Über die klassischen Anwendungen unserer Sensoren ergeben sich für uns viele neue und interessante Geschäftsfelder, auf die wir sonst nicht gestoßen wären“, schwärmt Kremer. Seit den 1980er-Jahren werden bei Jumo elektrochemische Glas-Sensoren zur Messung der wichtigen Wasserparameter pH und Redoxpotenzial gefertigt. Hinzu kamen später Sensoren für die Messung der elek trolytischen Leitfähigkeit und für Desinfektionsmessgrößen wie freies und gebundenes Chlor, Chlordioxid und Ozon sowie Wasserstoffperoxid und Peressigsäure. Ein erstmals Plug-&-Play-fähiger, sehr einfach zu wartender galvanischer Sensor für Gelöst-Sauerstoff wurde Mitte der 1990er-Jahre herausgebracht. Zur Anwendung im Abwasser oder auch in Fischfarmen ergänzen heute zudem optische Sensoren für Gelöst-Sauerstoff und für Trübung das Programm. „Im Moment sind die ionenselektiven Verfahren im Trend“, erzählt Matthias Kremer. „Wasser wird immer noch genauer untersucht. Früher hatten wir einen Parameter, wenn der okay war, hat das gepasst. Heute will man alles ganz genau wissen, jedes Fremd-Ion muss gemessen werden. Uns Messtechnikern ist das recht, wir können auch ganz spezielle Sensoren für alle möglichen Parameter und Anwendungen entwickeln.“ Sensoren intelligent vernetzen „Zurzeit geht der Trend im Online-Bereich zu immer noch feinerer Messtechnik – wie im Labor. Wasser soll in großen Mengen schneller sauber und wieder nutzbar sein – das bedeutet mehr Messtechnik und damit auch mehr Aufwand für die Vernetzung“, so Kremer. Und hier kommt das Thema Digiline ins Spiel. Jumo arbeitet seit 2007 an dem System Digiline. „Uns ging es nicht darum, einen Sensor zu digitalisieren, sondern ein intelligentes Netzwerk zu entwickeln, das alle Sensoren miteinander verknüpft“, erzählt Kremer. Digiline ist ein busfähiges Anschlusssystem für digitale Sensoren in der Flüssigkeitsanalyse, das zugleich über eine Plug-&-Play-Funktionalität verfügt. Es ermöglicht auf einfache Weise den Aufbau von Sensor-Netzwerken, bei denen Sensoren sternförmig oder in Baumstruktur vernetzt werden. Die Kommunikation zur nächsten Auswerteeinheit oder zur Steuerung übernimmt eine einzige gemeinsame Signalleitung. Mit Digiline können Anlagen, in denen mehrere Parameter gleichzeitig an verschiedenen Stellen gemessen werden müssen, effizient und schnell verkabelt werden. „Der Kunde erwartet im Grunde nur, dass die Sensoren technisch einwandfrei funktionieren, wie wir das machen, ist ihm letzten Endes egal. Was zählt, ist das einwandfreie Messergebnis“, so Kremer. (eli) Fotos: Jumo www.jumo.net VERFAHRENSTECHNIK 12/2019 31

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